Am 11. Januar 2013 starb Aaron Swartz in New York. Die Welt verliert mit ihm einen Pionier des Internets, einen digitalen Bürgerrechtler und einen integren Kämpfer für die Befreiung von Wissen und Information. Im Juli 2011 wurde Swartz angeklagt, etwa 4.8 Millionen wissenschaftliche Aufsätze von der Publikationsplattform JSTOR heruntergeladen zu haben. Obwohl die Betreiberin von JSTOR zivilrechtliche Ansprüche gegen ihn fallen ließ, verfolgte die zuständige Staatsanwaltschaft den Fall weiter, um ein Exempel an Swartz in sachen Urheberrechtsvergehen zu statuieren. Ihm drohten 35 Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe in Millionenhöhe [Quelle].
Swartz ist der Netzgemeinde unter anderem durch seine Mitarbeit am Newsfeed-Standard RSS in jungen Jahren sowie am Social Media Aggregator reddit bekannt. Weiterhin war er an der Gründung der Open Access-Plattform Open Library sowie an der Aktionsgruppe Demand Progress beteiligt.
Der Begründer des WWW, Tim Berners-Lee, drückt diesen Verlust auf Twitter so aus:
“Aaron dead. World wanderers, we have lost a wise elder. Hackers for right, we are one down. Parents all, we have lost a child. Let us weep.”
Im Gedenken an Aaron möchten wir auf #pdftribute hinweisen, eine Aktion von Akademikern, die ihre Arbeiten zu Ehren des Kampfes Aarons für Open Access frei verfügbar machen und einen Link zum Upload mit diesem hashtag versehen über Twitter publik machen. Auf der Seite pdftribute.net werden diese Tweets gesammelt und archiviert. Zum anderen stellen wir das von Swartz im Jahre 2008 verfasste Guerilla Open Access Manifest in deutscher Übersetzung und redigierter Version mit der Bitte ein, dieses nicht unreflektiert zu übernehmen.
Guerilla Open Access Manifest
Information ist Macht. Aber wie bei jeder Art von Macht, gibt es solche, die sie für sich behalten wollen. Das gesamte wissenschatliche und kulturelle Erbe der Welt, seit Jahrhunderten in Büchern und Fachzeitschriften festgehalten, wird zunehmend digitalisiert und weggesperrt von einer Handvoll privater Unternehmen. Willst Du die Schriften mit den berühmtesten wissenschaftlichen Erkenntnissen lesen? Dann musst Du enorme Summen an Verlage wie Reed Elsevier bezahlen.
Es gibt solche, die dafür kämpfen das zu ändern. Die Open Access-Bewegung hat tapfer dafür gekämpft um sicher zu stellen, dass Wissenschaftler ihre Urheberrechte nicht abtreten müssen, sondern dass ihre Arbeiten im Internet zugänglich gemacht werden unter Bedingungen, die es Jedem erlauben, darauf zuzugreifen. Doch selbst im besten Fall bezieht sich die Arbeit dieser Bewegung nur auf Dinge, die zukünftig publiziert werden. Alles, was bisher erschienen ist, wird verloren gehen.
Das ist ein zu hoher Preis. Akademiker zwingen, Geld zu bezahlen um die Arbeiten ihrer Kollegen zu lesen? Ganze Bibliotheken einscannen, aber nur dem Google-Volk erlauben, sie zu lesen? Wissenschafliche Artikel denjenigen in Elite-Universitäten der Ersten Welt zugänglich machen, nicht aber den Kindern des globalen Südens? Das ist abscheulich und unakzeptabel.
„Ich stimme zu“ magst Du sagen, „doch was können wir tun? Die Unternehmen halten die Veröffentlichungsrechte, sie verdienen enorme Summen durch das Verkaufen von Zugang, und sie sind damit im Recht – Es gibt nichts, womit wir sie aufhalten können.“ Doch. Da ist etwas, was wir tun können; da ist etwas, was bereits getan wird: Wir können zurückschlagen.
Diejenigen mit Zugang zu diesen Ressourcen – Studenten, Bibliothekare, Wissenschaftler – Euch wurde ein Privileg gegeben. Ihr werdet vom Bankett des Wissens gefüttert, während der Rest der Welt ausgeschlossen ist. Ihr braucht nicht – ja, moralisch gesehen dürft ihr nicht – dieses Privileg für Euch selbst behalten. Ihr habt die Pflicht, dieses Privileg mit der Welt zu teilen. Wie ihr es schon getan habt: Passwörter mit Kollegen tauschen, für Freunde Download-Anfragen durchführen.
Während dessen stehen die, die ausgeschlossen sind, nicht ruhig auf der Stelle. Ihr seid durch Schlupflöcher gekrochen und über Barrieren geklettert, habt die Informationen, weggesperrt durch Verwerter, befreit und mit Euren Freunden geteilt.
Doch all diese Maßnahmen führen in den dunklen, verborgenen Untergrund. Es wird „Diebstahl“ oder „Piraterie“ genannt, als wäre das Teilen des Wissens der Welt moralisch gleichbedeutend mit dem Plündern eines Schiffes und dem Ermorden seiner Besatzung. Doch Teilen ist nicht amoralisch – es ist ein moralischer Imperativ. Nur diejenigen, die von Gier geblendet sind, würden es verweigern, einen Freund eine Kopie machen zu lassen.
Große Unternehmen sind natürlich von Gier geblendet. Die Gesetze unter denen sie handeln, verlangen es – ihre Gesellschafter würden revoltieren, müssten sie sich mit weniger abfinden. Und die Politiker, die sie gekauft haben, beschließen Gesetze, die ihnen die exklusive Macht gewähren zu entscheiden, wer Kopien anfertigen darf.
Da ist nichts Gerechtes im Folgen unrechter Gesetze. Es ist an der Zeit ans Licht zu treten und, in der großen Tradition des Zivilen Ungehorsams, unseren Widerstand gegen diesen privatisierten Diebstahl öffentlichen Kulturguts zu erklären.
Wir müssen Informationen, wo auch immer diese aufbewahrt werden, nehmen, Kopien machen und sie mit der Welt teilen. Wir müssen die Dinge, die gemeinfrei sind nehmen und sie dem Archiv hinzufügen. Wir müssen geheime Datenbanken kaufen und sie ins Netz stellen. Wir müssen wissenschaftliche Zeitschriften herunterladen und sie offenen Filesharing-Netzwerken zuführen. Wir müssen kämpfen für Guerilla-Open Access.
Wenn wir genügend sind, weltweit, senden wir nicht nur eine deutliche Botschaft gegen die Privatisierung des Wissens aus, wir machen sie zu einem Gegenstand der Geschichte. Wirst Du Dich uns anschließen?
Aaron Swartz
Juli 2008, Eremo, Italien
Übersetzung von Lupino, redigiert von Raidrion – CC BY 3.0 US